MVJstories

MVJstories ist ein Blog, auf dem eine kleine Gruppe junger Schriftsteller Auszüge aus ihren Werken veröffentlicht. Feedback ist ausdrücklich erwünscht. Und nun viel Spaß beim lesen!

Mittwoch, 1. Mai 2013

Kleine Schritte



von Mr. Big


Es ist stickig in der Halle. Ich sitze am Spielfeldrand und lasse den Blick umherschweifen. Überall bekannte Gesichter, die mir dennoch nichts sagen, da sie fest entschlossen dreinblicken und mich keines Blickes würdigen. Sie wollen nur die bevorstehende Erwärmung überstehen.  Wer kann ihnen das verübeln? Bei dieser Art von Erwärmung handelt es sich eher um eine moderne Form des Gladiatorentrainings. Mit dem Sportgerät bewaffnet, bearbeiten wir erst den Boden und dann unseren Gegenüber. 

Wir laufen und laufen und laufen. Schweißperlen spiegeln sich auf den Gesichtern der meisten Teilnehmer wider und brechen das Licht. Die Neonleuchten der Decke geben ihnen einen erhabenen, glitzernden Umhang. Und wir laufen weiter.

Da kommt sie reinmarschiert und reiht sich unter die Läufer ein. War sie nur kurz weg oder kommt sie zu spät? Ich kann es nicht sagen. Vielleicht war sie auch von Anfang an dabei und ich habe es nicht gemerkt. Wobei mir so jemand auffallen würde…oder? Ich weiß es nicht, es ist mir im Moment auch egal. Ich habe gerade meinen eigenen Kampf gegen die Kondition zu kämpfen. Denn die Kondition, die ich nicht habe,  will mir weiß machen ich schaffe das hier nicht. Dabei ist das völliger Blödsinn. So unsportlich bin ich doch nicht.

Schwups, da huscht sie an mir vorbei. Mit elfengleichen Schritten scheint sie vorbeizugleiten, eine Feder im Wind auf kontrollierten, kreisrunden Bahnen dahineilend. Noch zehn Runden, meint der Trainer. Das schaffst du nicht, sagt mir meine nichtvorhandene, doch irgendwie vorhandene Kondition. In solchen Momenten scheint sie Spaß daran zu haben, sich als Gedankenstimme in meinem Kopf zu manifestieren. Ich würge sie ab. Noch neun Runden. Acht. Sieben…

Geschafft. Mein Körper gleitet auf die Sitzbank. Mein Puls stellt neue Weltrekorde auf. Ich wische mir mit meinem Handtuch die Stirn ab und schaue zur Seite. Sie hat sich zu mir gesetzt. Das hilft meinem Puls nicht gerade dabei, wieder auf messbare Werte zu sinken.  Nur ruhig Großer, sag ich mir. Jetzt bloß nicht aufdringlich wirken, sie nicht direkt anstarren. Ihr scheint der Konditionslauf gar nichts angehabt zu haben. Oder absorbiert ihr gut gebräunter Teint einfach jegliche Anstrengungserscheinung? Sie nimmt den Gummi aus dem Zopf und lässt ihr braunes glattes Haar wedeln, bevor sie es wieder nach hinten zieht und erneut fixiert. Sie scheint total entspannt zu sein. Ihre ruhige,  schlanke Erscheinung ist das genaue Gegenteil von meiner Erscheinung, welche spürbar atmend und um Sauerstoff ringend neben ihr sitzt. Wie fies, dass es Menschen gibt, die Kondition in den Genen haben, denke ich mir. Dann schaut sie rüber. Ich wende schnell meinen Blick ab. 

Bälle fliegen über das Netz, sausen mit einer beachtlichen Anzahl an Stundenkilometern heran und klatschen auf das Parkett.  Ein unverkennbares Geräusch. Die Halle quittiert jedes Manöver mit einem hörbaren Echo. Es ist Angabenzeit. Oder besser gesagt, Angeberzeit. Maskulinität definiert sich im Volleyball durch Sprunghöhe mal Schlagkraft plus Coolnessfaktor. Ich belege einen guten Mittelwert. Andere prügeln förmlich auf die unschuldig anmutenden Bälle ein. Ich muss unvermittelt an Wilson, den Volleyball aus Cast Away, denken und bekomme Mitleid. Dafür ist aber kein Platz auf dem Feld. 

Im gleichen Moment steigt ein Riese mit unnatürlich langen Armen auf und drischt einen  „Official Seize and Weight“- Molton- Volleyball fünf Zentimeter an meinem linken Ohr vorbei.  Wer hier nicht aufpasst, wird abgeschossen. Hab ich diesen Satz gerade gedacht oder hat ihn der Trainer wirklich gesagt? 
 
Egal, ich bin dran und spiele den Ball zum meinem Steller. Synchron beschreibe ich einen Halbkreis bevor Netz und Ball näher zueinander finden. Hastig springe ich mit beiden Beinen ab und vollführende mit dem rechten Arm eine Schlagbewegung. Der Ball springt auf die Netzkante und flattert von da aus weiter ins Feld. Bananenförmig bahnt sich das Geschoss seinen Weg. In die Reihen der Wartenden vor dem Aufschlag. Sie scheint gerade in einer anderen Welt zu sein. Dann trifft der Ball sie am Kopf.  Unangenehm aus ihren Gedanken gerissen sendet sie böse Blicke zum Urheber der Störung. Kurz sackt mir mein Herz in die Hose.

Den sechzig Minuten Erwärmung folgen dreißig Minuten Spiel. Ich bin heil froh, dass ich soweit noch fit bin, um zu spielen.  Es macht mir nichts aus am Netz zu sein, eine schöne Position, wie ich finde.  Du bist quasi der Dealer, der die ankommenden Bälle an deine Kunden verteilt. Der King auf dem Platz. Master of the Zuspiel sozusagen. Die Brünette mit dem hübschen Teint steht neben mir und scheint potentiell gewillt, jeden ankommen Ball in die gegnerische Hälfte zu befördern. 

Ich wittere meine Chance. Sprich sie an. Ganz locker. Dein Team hat Aufschlag und du alle Zeit der Welt. Meine Gedankenstimme von vorhin meldet sich wieder: 

Macht jetzt bloß nichts falsch, Alter.  

Doch wie schwer kann es sein? Den ersten Schritt zu machen dürfte doch eigentlich in der Gunst der Sekunde liegen. Ich verlangsame kurz die Zeit an, um nachzudenken.

Der erste Schritt ist bekanntlich der Schwerste. Andererseits ist jeder weitere nur noch eine reine Selbstverständlichkeit. Wie schwer kann es also sein? Sauschwer. Bockschwer.
Doch alle großen Abenteuer haben einmal mit dem ersten Schritt angefangen. Columbus, als er zum ersten Mal seinen Fuß von der Planke seines Ruderbootes nahm und auf die Sandstrände der karibischen Inseln setze. Oder Neil Armstrong, als er den wohl bedeutendsten Schritt aus der Apollo 11- Kapsel auf bisher unbekanntes Terrain machte und somit neue Dimensionen von Träumen ermöglichte. Es ist nur ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Schritt für die Menschheit.  Was hatten diese beiden Entdecker, diese beiden Abenteurer gemeinsam? Sie hatten es geschafft den ersten Schritt von vielen zu tun, um in neue Gegenden und Sphären aufbrechen zu können. Um neue Welten zu erschließen, neue Welten zu ermöglichen.  Dabei war nicht überliefert, wie groß dieser erste Schritt war, es könnte auch ein ganz kleiner, zögerlicher gewesen sein. Doch das war auch egal, er war getan und damit war er gemacht.

Ich tue einen kleinen Schritt in die richtige Richtung und schaue sie an. Gleichzeitig  führt ein Synapsenfeuer in meinem Kopf dazu, dass sich mein Puls merklich beschleunigt und mein Herzschlag wie der Ofen einer Dampflokomotive zu pochen beginnt.  Armstrong hatte für den entscheidenden Moment die richtigen Worte parat gehabt. Von Kolumbus  weiß ich nicht, ob er was Cooles gesagt hat. Dennoch scheinen mir jetzt selbst einfachste grammatikalische Konstruktionen unangemessen, während mein Blick sie fixiert, während ihr Blick dem Ball gilt. Jetzt oder nie. Nur was sagen? Abgedroschene Phrasen fluten mein Zwischenhirn und blockieren jegliche kreative Zone, die ich da mal in der Nähe vermutet habe.  Kleine Schritte, denke ich. Kleine Schritte machen. Also entscheide ich mich für ein einfaches 

„Hallo, na alles klar?“ 

Dummkopf, Dummkopf, Dummkopf schreit es mich innerlich an. Seit wann gibt es eigentlich diese Stimme in meinem Kopf?

Sie wendet mir ihr Gesicht zu. Nussbraune Augen ruhen auf mir und in diesem Moment verfluche ich alle ersten Schritte, die je ein Mensch getan hat. Armstrong ist sicher auf der Mondoberfläche abgefedert, hatten seinen Stiefelabdruck hinterlassen und sich dabei den kleinen Zeh geprellt. Kolumbus ist bestimmt in einen Seeigel getreten und hat wunderschön auf Spanisch geflucht. Oder auf Italienisch. War der nicht Italiener? Ach was weiß ich!

Sie betrachtet mich für eine Millisekunde und lässt damit eine Welt entstehen, in der alles möglich ist. Tausend mögliche Zeitlinien spinnen sich in meinen Gedanken zusammen und verflüchtigen sich genauso schnell, wie sie gekommen sind, als sie die Worte sagt:

Hm, ganz gut soweit. Ich fühle mich ein wenig unterfordert auf dieser Seite. Kannst du mir den nächsten Ball zu spielen?“

Dann zwinkert sie mir zu. Doch nicht nur irgendwie. So richtig eben. Und legt dabei viel mehr in diese kleine Geste, als sie eigentlich transportieren kann. Der Eisberg in mir schmilzt, der bis dahin jeglichen klaren Gedanken festgehalten hat. Er zergeht wie Butter auf einer heißen Pfanne. Meine Hypophyse feuert Endorphine durch alle Hirnwindungen und weckt in mir ein urtypisches Gefühl von Glück, wie ich es schon lange nicht mehr gespürt habe. Ich nicke ihr zu und sage: 

„Ja, darauf habe ich mich schon das ganze Training lang gefreut.“

Und sie beginnt zu lächeln und ich beginn zu lächeln. Apollo 11 ist gelandet, der Astronaut hat die Kapsel erfolgreich verlassen. Das Regolith unter den Füßen hinterlässt eine wunderschöne kleine Staubwolke. Der erste Schritt auf neues Gebiet ist geglückt. Kolumbus lächelt. Der Sand unter den Füßen fühlt sich toll an.  Es kommt nicht auf die Größe des Schrittes an, den man macht. Es kommt darauf an ihn zu machen. Und manchmal tut es auch ein kleiner Schritt. Denn auch solche Schritte müssen gemacht machen und erfordern Mut. Das ist der Weg zum Erfolg, denke ich mir und bereite mich mit einem guten Gefühl auf den nächsten Aufschlag vor.


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