MVJstories

MVJstories ist ein Blog, auf dem eine kleine Gruppe junger Schriftsteller Auszüge aus ihren Werken veröffentlicht. Feedback ist ausdrücklich erwünscht. Und nun viel Spaß beim lesen!

Donnerstag, 9. April 2015

Letztes Gefecht - Heimkinoversion

Und dann folgt die Stille
Wenn auch schon der Wille
zum Frieden geschwunden,
geschunden die Brille
am Boden liegt, woher kriegt
er jetzt das Hohelied
wie er es einst auf sie sang,
lang-e vor dem Krieg,
der sie zerstört,
nicht erhört, doch empört hat,
was dazu führte, dass sie ihn verhört hat
und er ihr vorwarf, zu wortkarg und boshaft
die Zweifel zu schüren, die sie selber lostrat.

Dabei war ihre Liebe so tief und so groß
war denn, was sie hatten, nicht makellos?
So stark und kräftig
fordernd und heftig
So schön und zierlich
rein und possierlich
So frech und vorwitzig
mal ruhig, mal spritzig
So einfach und richtig
jeder Zweifel war nichtig
jeder Grund für die Liebe dafür doppelt so wichtig
Alles schien zu passen, sie lassen sich fassen
und hassen es nur, wenn sie sich gehen lassen
So gut, so perfekt! Der Respekt ihrer Freunde wächst,
sie wünschen Glück, ein Stück weit sogar seine Ex
Jetzt sitzt er da und fragt sich: „Geht das denn an,
dass etwas perfektes so einfach zerbrechen kann?“
Doch eine Beziehung entwickelt sich stetig
stets, ständig und immer ist Veränderung nötig
Wenn alles perfekt ist, geht's nicht besser, gerechter
und kann es nicht besser werd'n, wird es halt schlechter

Früher hieß es noch vergeben-vergessen
wie weh ihr das tat, konnte er nicht ermessen
und dann, bis zum Essen war alles beim besten...
so dachte er damals, doch war, falls
er ihren Schmerz nicht gespürt
sie trotzdem berührt. Und ihr aufgesetztes Lächeln
hat ihn in die Irre geführt
Denn während er wirklich vergab und vergaß,
die Wahrheit nicht las und Gras über das,
was ihn trennte von ihr wachsen ließ, da fraß
jener Streit noch in ihr
jedes heit're Plaisir,
dass er ihr nunmehr machte, sie dachte bei ihr
habe, was er tut, sowieso keinen Zweck
denn der Streit war in ihr noch immer nicht weg
Und das nächste Mal, wenn sie sich bekriegen
versucht sie unbewusst, zweimal zu siegen
denn mit Wut und Verachtung, Entmachtung befürchtend
führt sie jenen alten Streit,
der ihr die Zweisamkeit
gänzlich verleidet, und nun mit ihr durchbrennt

Er dagegen steht da, weiß nicht, wie ihm geschieht
hört die wied-erholung des alten Eklats.
Denn zwar ist ihm klar, was ihm wahr war, doch da
er nicht weiß, wie sie fühlt, reagiert er unterkühlt,
kann nicht begreifen, warum sie festhielt
an dem alten Streitpunkt, der Zeitpunkt
für diesen Disput ist vorbei, denn der Eisprung
der Wut dreht die Zeit um, sie tut
als wäre der alte Streit für irgendwas gut
Er schreit: "Darum geht es doch längst nicht mehr"
erst ein Jahr hinterher
begreift er,
dass es für sie wohl doch darum ging

Und dann folgt die Stille
Wenn auch schon der Wille
sich doch zu vertragen,
der Wut zu entsagen,
dahin ist, enthüllen
sich weitere Fragen
Nach Unsinn und Sinn
einer Beziehung
die – wierum
man es nimmt
nie rund ist und stimmt

Er sitzt in der Küche
die Flüche verschluckend,
die ihm auf der Zunge lagen,
Herz und Lunge plagen
er kann es nicht wagen
zu sagen, was er jetzt denkt
In seinem Kopf vermengt
sich alles, was sie trennt.
Er fragt sich, ob es wohl noch Rettung gibt,
ob sie ihn noch liebt, oder ob nur ein Trieb
der Beziehungserhaltung der letztlichen Spaltung
im Weg stand, doch nicht der Liebeserkaltung

Sie steht an der Tür,
wofür sie natürlich dort steht
wird ihm klar, als sie zu ihrem Koffer geht
und ihn nimmt und sagt: „Ich hab schon lange gepackt
denn mich plagt, wie vertrackt
es mit dir ist. Für uns ist es lange zu spät.
Leb Wohl“
Und sie geht.
Er kneift sich. Es tut weh. Das ist echt!
Und da wird ihm klar:

Es war ihr letztes Gefecht

Sonntag, 29. März 2015

Letztes Gefecht

Die Schule aus, als Lohn seines Strebens
öffnet sich vor ihm der Rest seines Lebens
doch weil er vergebens der Pest eines Strebens
nach Anerkennung und Respekt gefolgt
bleibt sein Intellekt gewoll-
termaßen, weil ihn nicht gewollt
hat, wer ihn so beredt dann scholt,
ganz wie in ein Versteck gerollt

Doch die Zeit hilfloser Wut
auf den Anerkannten, der tut
als ob er so wertlos sei
ist vorbei

„Doch was nun?“ denkt er sich, eigentlich
weiß er nicht, was zu tun, wo er hin soll mit sich
Eine Ausbildung, klar,
er bewirbt sich ein paar
mal, kriegt Absagen en masse
ganz klar, schlechtes Karma
Er sieht wie die anderen hier triumphieren
und nach ein paar Jahr'n schon Abteilungen führen
sieht all die, die ihn stets in der Schule verlachten
jetzt auch noch die bess'ren Karieren machen
sieht sie Partner finden, Familien gründen
gemeinsam Probleme überwinden
Und er sieht sich selbst vorm Abgrund, vorm Nichts
Ohne Job, ohne Freunde, ohne Zukunft kaum mit Heute
Vom Leben gestraft, Ausschluss aus der Gemeinde
Ganz allein nur mit sich sieht er schließlich
diesen Aufruf, und es gibt ihm einen Stich
als er liest: „Rette mit uns die Menschheit, die Welt
ehe hier alles zusammenfällt
Denn die meisten Menschen folgen heute dem Bösen
hab'n sich falsch informiert, falsche Bücher gelesen
und sind deshalb jetzt ungläubig, gegen den Geist
der uns Gläubigen das Paradies verheißt
Drum kämpfe jetzt mit uns, zerstör die Verräter
die Gottbetrüger, Übeltäter!
Siehst du nicht, dass es falsch läuft in dieser Welt?
Die Verhältnisse sind auf den Kopf gestellt
Hilf uns bei unserm Kampf, komm und lass dich bekehr'n
und dann zieh in den Krieg, streite für unsern HERRN!“

Diese Botschaft, sie packt ihn, so kann man ihn erreichen
seine Feinde und deren sind doch eigentlich die Gleichen!
Ein HERR, der will, dass er gegen die, die ihn bloß-
gestellt haben, kämpft, ja der ist wahrhaftig groß!
Also nimmt er die Waffe und zieht in den Krieg
für den Gott, den es für ihn erst seit ein paar Tagen gibt.
Kein Freund, der ihn aufhält, die Familie fern
kriegt 'ne Nachricht per Facebook: „Tschüss, ich kämpf' für den HERRN!“
Voller Begeisterung tritt er sodann
seine gewaltige Reise an
Fremdes Land, fremde Leute, ziemlich sonderbare...
Was sie eint ist der Glaube, der einzig wahre!
Hier ist er Bruder vor dem HERRN
trotzdem denkt er, er wüsste doch gern
was die Wurzeln seines neuen Glaubens sind
was ihm denn wirklich Erlösung bringt
und fragt den einen seiner Kollegen
ob er die heilige Schrift ihm könn't geben
weil er noch nicht lange dabei gewesen...
Der lacht: „Die hab ich doch selbst nie gelesen
Tu einfach, was unser Anführer sagt
der holt sich direkt beim HERRN seinen Rat
Du solt'st nicht zum lesen zu uns fliegen
Nimm deine Waffe. Du sollst für uns siegen!“

So steht er dann wenige Wochen später
direkt an der Front, er weiß, dass ein jeder
der anderen später und jetzt immer wieder
für sie alle einsteht, ihm zittern die Glieder
doch Angst hat er keine, was ihn nun durchloht
ist des Eiferers Glaube. Treue bis in den Tod!
Er hört Bomben fallen, Panzer dröhnen
Raketen einschlagen, Menschen stöhnen
Er packt seine Waffe mit festem Griff
und stürmt vorwärts, den Ohrschmerz durch laute Geschütze
vergessend, denn er ist zu nichts nütze.
Ringsum versinkt alles in Staub und Geschrei.
Nur Schemen zu sehen. Er weiß nur, dabei
handelt es sich wahrscheinlich um Feinde,
denn er sieht, dass sie fliehen. Manche sitzen und knien
und beten, doch nicht wirklich zum HERRN, nicht zu IHM.
Diese Teufelsbrut hier, das weiß er genau
betet zu falschen Göttern, denn wenn sie den richtigen
hätten, dann wär'n sie ihm auch verpflichtet
und müssten seine Gebote achten
so wie seine Anführer sie überbrachten
Sie würden mit ihm kämpfen, nur für den rich-
tigen Herrn, trotzdem erschießt er sie nicht.
Denn irgendwo hinter dem Kriegsgewühl
verbirgt sich bei ihm etwas Mitgefühl
Als er sich jedoch gleich darauf umdreht
Hat schon ein and'rer sie niedergemäht.

Jetzt fliegen Granaten, dicht an dicht.
Was ihm nichts and'res übriglässt, als durch die licht-
arme rauchfinst're Landschaft zu kriechen und kurz
darauf findet er zwischen den Häusern Schutz.
Auch in den Straßen hängt dichter Rauch
er braucht etwas Luft, betritt ein Haus
atmet kurz ein und erstarrt.
Dort war-tet ein Mann.
Das Gewehr im An-
schlag, doch auch die Verzweiflung im Gesicht.
Jetzt drückt er ab, doch es tut sich nichts.
Ohne Waffe steht der Fremde nun vor ihm,
sinkt langsam auf die Knie
und beginnt, mit Worten, die er noch nie
gehört hat, zu bitten, eine fremde Sprache
doch die Tränen versteht er, das ist eine Sache
die ihn noch anzurühren vermag
Ganz kurz denkt er zurück an den Tag
an dem er das erste Mal das Opfer war
Ein Opfer der Worte, wie dieser da
ein Opfer der Taten werden wird
der Gedanke an Gnade kommt und irrt
ganz kurz durch sein Hirn, die Entscheidung ist knapp...
Dann drückt er ab.
Verteilt Blut, Gehirn und Knochensplitter
auf Boden und Wänden, wie ein Gewitter
dröhnt sein Gewehr, vor Verzweiflung lacht
er, doch plötzlich spürt er die Macht.

Dieses wilde Gefühl, dass Verzweiflung verdrängt
Angst und Bedenken mit Adrenalin überschwemmt
Was macht er denn eigentlich hier im Haus?
Voll Taten- und Blutdurst stürzt er hinaus
Ja, hier sind die Feinde, aus vollem Rohr
schenkt er Tod und Schmerz aus, wer ihm jetzt vor
die Mündung kommt, hat nichts mehr zu lachen
Er ist sich nicht sicher über Schlaf oder wachen
Er weiß nur, was er tut, tut er gern
denn es ist nicht sein Werk, s'ist das Werk des HERRN!
Egal ob Mann oder Frau, ob Greis oder Kind
gleich ob Elitesoldat oder taubstumm und blind
Sie sind alle nur Feinde, das ist alles, was zählt
Nicht willkommen in unserer Welt

Plötzlich, als er so durch die Straßen wütet,
hört er ein nahes Pfeifen,
bevor er aber begreifen
kann, woher es kommt,
hört und spürt er schon prompt
die Detonation
mit grässlichem Ton
wirbelt es ihn durch die Luft davon.

Der Aufprall ist hart, doch schlimmer noch
sind die Schmerzen an Brust, Hüfte und am Kopf
Er versucht, sich zu bewegen
Doch da er kaum noch am Leben
ist, muss er sich wieder hinlegen.

Endlich öffnet er wieder die Augen
Ein verschwommenes Bild, er kann es kaum glauben
Da steht jemand über ihn geneigt
Doch das ist ein Feind!
Wie kann das sein? Haben wir nicht gesiegt?
Was ist mit der Bestimmung? Ich weiß doch, es liegt
in unserem Auftrag, die Welt zu bekehren
und mit Waffen die Ungläubigen zu belehren
bis sie sich eines bess'ren besonnen
Warum hab'n wir dann nicht gewonnen?
Der feindliche Kämpfer grinst ihn an
„Sieh an, da hab'n wir ja einen Mann,
der noch überlebt hat. Du bist schon arm dran.
Kannst du aufsteh'n?“ Der Verletzte schüttelt den Kopf.
Der and're grinst breiter und öffnet den Knopf
einer Tasche, er zieht die Pistole heraus
und richtet sie langsam auf des Gläubigen Bauch
„So ein Pech. Tragen können wir dich leider nicht“
Und drückt ab und ihm wird es schwarz vorm Gesicht.

Im Tode die Schmerzen, keine hohe Gewalt
lässt ihn sanft entschweben, er merkt schon bald
dass es kalt wird und dunkel, das Leben scheint ferner
die Geräusche sind leiser, die Welt würd' er gern
jetzt erreichen, doch leider ist sie zu weit weg
er hat Angst zu sterben, doch es hat keinen Zweck
Er denkt an seine Mutter, wie lang ist es her
dass er sie in den Arm schloss, erst jetzt, hinterher
wird ihm klar, wie sehr sie ihn und er sie liebt
und dass es jetzt wohl keine Chance mehr gibt
ihr Lebwohl zu sagen, einen kleinen Trost
seine letzte Nachricht war ein Facebookpost
Und der Schmerz und die Angst verbinden sich
zu dem Schrecklichen Etwas, das ihm schließlich
klarmacht: Kriege sind nie gerecht
Egal ob welt- oder hei-li(g/ch)

Es war sein letztes Gefecht.

Dienstag, 17. Februar 2015

Kälte. Folge 20: Schlaflos

Dann schlug Aaron die Augen auf. Verwirrt sah er sich um und befreite sich mit fahrigen Bewegungen aus den Decken. Sein Herz klopfte, als sei er gerade einen Marathon gelaufen und sein Atem ging schnell und stoßweise. Erst nach ein paar Sekunden begann er zu realisieren, wo er war, dass er geträumt hatte und sich, wenn auch nicht in Sicherheit, so doch außerhalb unmittelbarer Lebensgefahr befand. Er legte sich wieder hin und schloss die Augen.
Dass aber eine liegende Position und geschlossene Augen ausreichten, um ihn wieder einschlafen zu lassen, war nicht mehr als Wunschdenken. Kaum hatten sich seine Augenlider geschlossen, da tauchten auch schon wieder die Traumszenen vor seinem inneren Auge auf. Die Bilder ließen ihn nicht los, zwangen sich ihm immer wieder auf... Er wurde das Gefühl nicht los, dass in dem Traum irgendein Hinweis versteckt sein könne, ein Hinweis, der diese ganze Situation, in der er sich befand, etwas klarer erscheinen, ihn vielleicht dem Grund für all die Geschehnisse der letzten Wochen etwas näher bringen würde. Mit offenen Augen lag er da und durchforstete seine Erinnerungen nach einem Anhaltspunkt, aber so viel er auch grübelte, es wollte ihm nichts einfallen.
Er war der Mörder gewesen, so viel hatte er behalten. Der Mörder von Erik und vielleicht auch der von Elisa. Wer wusste schon, was aus ihr geworden war?
Seinen besten Freund hatte er im Traum umgebracht, war aber kurz darauf selbst von Unbekannt hinterrücks niedergestoßen worden. War der Mörder selbst inzwischen tot? War es das, was der Traum ihm sagen wollte?
Unsinn! Wenn ihm seine Träume etwas mitteilen konnten, dann nur Sachen, die er unterbewusst schon gewusst hatte. Wie aber hätte er von dem Tod des Mörders wissen sollen? Es musste etwas anderes sein...
Eine Frau hatte seinem Leben schließlich ein Ende gesetzt. Eine Frau, die sich von Erik mit den Worten „das habe ich nur für dich getan“ verabschiedet hatte...
Elisa?
Unwillkürlich kam Aaron ein Erinnerungsfetzen von Eriks Todestag in den Sinn. Der Anblick des Schneemobils, mit dem der Mörder sich schließlich davonmachte, während Aaron sich draußen im Schnee versteckte... Das Schneemobil...
Der Mörder darauf...
Der Beifahrer!
Richtig, es hatte einen Beifahrer gegeben. Ein Bandenmitglied vielleicht. Vielleicht aber auch... Elisa?
Es war nicht auszuschließen, dass der geheimnisvolle Fremde sie auf dem Herweg entführt hatte – das würde zumindest erklären, warum sie nicht aufgetaucht war – um sich sodann des Nebenbuhlers zu entledigen...
Das wiederum würde bedeuten, dass er sie und ihre Lebensverhältnisse gekannt haben müsste. Aaron hielt inne. War diese Theorie sinnvoll? Nun ja, sie war zumindest denkbar. War sie aber wahrscheinlich?
Er schüttelte resigniert den Kopf. Wie sollte er die Wahrscheinlichkeit einer Theorie einschätzen, die nicht mal zur Hälfte aus bewiesenen Fakten bestand? Sicher, es sprach nichts dagegen. Genausowenig gab es aber klare Anhaltspunkte, die dafür sprachen. Ärgerlich rollte er sich zusammen und schloss die Augen, fest entschlossen, jetzt endlich einzuschlafen.

Und wie durch ein Wunder gelang es ihm.

Donnerstag, 5. Februar 2015

Kälte. Folge 19: Ein Traum...

Als der erste Tag der zweiten Etappe seiner Wanderung sich dem Ende zuneigte, konnte Aaron den Wald in der Ferne nur noch als grünes Band erkennen. Er war natürlich bei Weitem noch nicht so weit vom Wald entfernt, wie bei seinem Aufbruch aus der Blockhütte, von wo aus er den Wald ja auch schon hatte sehen können, aber wenn seine Schätzung ungefähr stimmte, hatte er bestimmt fast dreimal so viel Wegstrecke hinter sich gebracht, wie an einem durchschnittlichen Tag am Anfang der Wanderung. Erschöpft aber zufrieden ließ er sich schließlich, nachdem er sich wie üblich ein Lager zusammenimprovisiert hatte, auf selbigem nieder, löste die Schnüre, die die Schneereifen an seinen Füßen hielten, und überprüfte seine Gehhilfen auf Schäden und Abnutzung.
Es stellte sich heraus, dass die Rahmen selbst – ganz wie erwartet – relativ unbeschädigt geblieben waren. Das Netz aus Schnüren hingegen, dass er dazwischen geknüpft hatte, zeigte deutlichen Abrieb. Besonders die Stellen, an denen die Schnur um den Rahmen gelegt war, wiesen sichtbare Schäden auf. Dagegen sah es dort, wo sein Schuh die Schnüre berührt hatte, etwas besser aus. Kurz überlegte er, warum das so war, fand nicht gleich einen Grund und verwarf schließlich die Frage, da sie ihn nicht weiterbrachte. Stattdessen dachte er darüber nach, ob er die Schneereifen gleich neu spannen sollte, um am nächsten Tag nicht mitten in der Wanderung davon aufgehalten zu werden? Er entschied sich dagegen. So verlockend es war, am nächsten Tag wieder eine Stecke wie die heutige zurückzulegen, er besaß nicht genug Schnur, um verschwenderisch damit umgehen zu können. Insgesamt würde er mehr Strecke mit den Schneereifen zurücklegen können, wenn er jedes Bisschen Schnur bis zum Zerreißen nutzte.
Schließlich aß er von dem Trockenfleisch, das ihm inzwischen so zuwider war, dass er es nur noch herunterbekam, wenn er zwischendurch immer wieder mit Schnee oder Wasser nachspülte, und kauerte sich schließlich auf seinem Nachtlager zusammen. Kein Geräusch sang ihn in den Schlaf, aber er hatte sich an die Stille gewöhnt.

In dieser Nacht hatte er einen Traum. Einen sehr eindrücklichen sogar. Er befand sich wieder bei der Blockhütte, in der sein Abenteuer seinen Anfang genommen hatte. Rundherum tobte ein Schneesturm, und so ging Aaron hinein. Als er jedoch den Hauptraum betrat, fiel sein Blick auf die Tür zum Nebenraum und er erinnerte sich plötzlich, dass da drüben noch Eriks Leiche liegen musste. Schon wollte er die Hütte panisch wieder verlassen, doch dann bezwang er sich und beschloss, dem alten Freund einen letzten Besuch abzustatten. War er überhaupt noch da? Vielleicht war der Mörder wieder dagewesen, oder einer seiner Komplizen, und hatte den toten Körper beseitigt, die Spuren verwischt...
Als Aaron die Tür zum Nebenraum öffnete, ging eine seltsame Wandlung mit ihm vor. Er spürte, dass er größer wurde, kräftiger und wilder. Die Hand, mit der er die Türklinke ergriffen hatte, war breit und schwielig, die andere aber hielt etwas, was er in der Kürze der Zeit nicht ganz erfassen konnte. Schließlich trat er in den Raum. Vor sich sah er Erik, der sich an die gegenüberliegende Wand drückte. Dann hob er den Arm – in der Hand hielt er eine Pistole. Er richtete sie auf Erik...
Was? Nein! Erik war einer seiner besten Freunde. Überall wollte er dieses schreckliche Ding hinhalten, nur nicht auf diesen Menschen. Panisch versuchte er, die Kontrolle über seinen Arm zurückzugewinnen, die Pistole fallen zu lassen, irgendetwas, aber da war etwas in ihm, etwas, das in unbändiger Wut entflammt war, das verletzen, ja töten wollte, weil ihm etwas weggenommen worden war. Der dort hatte ihm etwas weggenommen... Etwas so kostbares... Was ihm genommen worden war?
Er drückte ab.
Im Moment, da sein Finger den Abzug betätigte, hörte er hinter sich einen Laut. Er wollte herumschnellen, doch spürte er schon, wie ihm etwas scharfes, spitzes tief in den Rücken getrieben wurde. Er spürte, wie das Leben aus ihm wich, gleich darauf wurde ihm auch bewusst, wie der Traum sich langsam verflüchtigte. Schon halb im erwachen hörte er noch ein paar letzte Worte, die Worte seines Mörders, der Mörderin, wie er jetzt an der Stimme erkannte:

„Das habe ich nur für dich getan...“

Dienstag, 3. Februar 2015

Kälte. Folge 18: Der zweite erste... Schritt

Am nächsten Morgen wurde Aaron sehr unsanft geweckt. In der zweiten Nachthälfte hatte es leicht zu schneien begonnen. Gegen Morgen beugte sich ein Ast des Baums, unter dem er lag, unter der in den letzten Stunden stetig angewachsenen Masse des Schnees und ließ diese auf den Schläfer herniederregnen. Das meiste zerstäubte auf dem weiten Weg von der Baumkrone bis hinab zum Boden und verteilte sich so sanft über die nähere Umgebung, aber eine ordentliche Ladung traf ihn auch im Gesicht, was ihn erschrocken hochfahren ließ und ihm außerdem einen kleinen Schreckensschrei entlockte. Als er sah, dass es um ihn herum noch dunkel war, wollte er sich erst wieder hinlegen, aber dann bemerkte er den leichten Schimmer, der sich am Horizont bildete, und beschloss, den Tag dieses Mal doch schon vor Sonnenaufgang zu beginnen. Als die ersten Strahlen die schneebedeckte Landschaft streiften saß Aaron unter den Bäumen und genehmigte sich ein Frühstück.
Bevor er allerdings wieder aufbrechen konnte galt es, die richtige Richtung herauszufinden. Zu diesem Zweck suchte er die Stelle am Waldrand auf, an der die Spur im Schnee zu erkennen war, die er auf seiner bisherigen Wanderung zurückgelassen hatte. Wie ein langes Band zog sie sich durch die weiße Landschaft, einen leichten Bogen beschreibend und immer wieder durch die leichten Hügel verdeckt, die für diesen Landstrich charakteristisch waren. Aaron betrachtete die Spur einen Moment lang und dachte an die zurückliegenden Tage und seinen Weg von der kleinen Blockhütte bis hierher zum Wald. Ein langer und beschwerlicher Weg, voller Kälte, Anstrengungen, Entbehrungen... Allein, wie oft er sich nach abwechslungsreicherem Essen oder einem Bad gesehnt hatte!
Dann sah er auf den Kompass und bestimmte eine Route, die von der bisher gegangenen im stumpfen Winkel abging. Darüber hatte er sich vorher oft den Kopf zerbrochen. Welche Richtung sollte er einschlagen, wenn er erst den Wald erreicht hatte? Er wusste nicht, wo genau die nächste Ansiedlung zu finden war... Schließlich hatte er sich entschieden, zunächst einfach nach Süden zu gehen. Irgendwo im Süden mussten Menschen sein, wie weit es auch immer dahin war. Eine Ahnung sagte ihm, dass das Dorf, von dem aus er mit dem Schneemobil aufgebrochen war, leicht westlich von seiner jetzigen Position lag, also würde er versuchen, etwas mehr in Richtung Westen zu tendieren, als nach Osten, aber letztlich war es reine Glückssache, ob er den Ort fand. Diesen oder irgendeinen anderen.
Schließlich holte Aaron seinen Rucksack, schnallte sich die improvisierten Schneereifen unter die Füße und kehrte zum Waldrand zurück. Noch einmal blickte er zurück auf seine Spur. Dann drehte er sich um in Richtung Zukunft. Dies war die Richtung, in der er Rettung zu finden hoffte. Fast meinte er schon, die eigene Spur vorgezeichnet sehen zu können, wie sie sich durch den tiefen Schnee gen Süden wand. Gestärkt durch die erfolgte Bewältigung der ersten Etappe seiner Wanderung begann er die zweite wesentlich zuversichtlicher. In einem Punkt jedoch war der zweite Teil eine exakte Wiederholung des ersten.

Er begann mit einem ersten Schritt.

Freitag, 30. Januar 2015

Kälte. Folge 17: Übers Wasser gehen

Im Moment versuchte er sich jedoch an etwas anderem. Er hatte einen elastischen Zweig gebogen, bis es möglich war, Schnüre zwischen die beiden Enden zu spannen. Genau das tat er nun, kreuz und quer verliefen die Fäden und bildeten ein dichtes Netz. Die Idee, sich auf diese Art Schneereifen zu bauen, war ihm schon am Anfang seiner Wanderung gekommen. Nun sollte sie in die Tat umgesetzt werden.
Die Idee war simpel. Wenn er sich das fertige Konstrukt unter die Füße schnallte, würde er eine größere Auftrittsfläche haben und somit sein Gewicht besser verteilen. Wenn seine Eigenkreation funktionierte, sollte das ein Einsinken im tiefen Schnee verhindern und seine restliche Wanderung so um einiges leichter machen.
Schließlich war das erste Exemplar fertig. Gespannt setzte Aaron es auf den Schnee und anschließend vorsichtig seinen Fuß darauf. Ganz allmählich belastete er sein Werk mit mehr und mehr von seinem Gewicht, bis er schließlich auf einem Bein auf dem Schneereifen stand.
Es funktionierte!
Die ganze Konstruktion senkte sich minimal in den Untergrund, der Fuß, der in der Mitte des geknüpften Netzes stand, ein bisschen mehr, aber von einem Einsinken bis zum Knie konnte keine Rede mehr sein. Sicherheitshalber setzte Aaron sich auch noch einmal den Rucksack auf und probierte es erneut, aber auch mit dem zusätzlichen Gewicht war der Effekt enorm. Mit einem Lächeln auf den Lippen stellte er den Rucksack wieder ab, setzte sich daneben und machte sich daran, einen zweiten Schneereifen zu bauen.
Als er fertig war herrschte um ihn herum bereits vollständige Finsternis. Er brachte an jedem der beiden fertigen Schneereifen noch ein paar Riemen an, mit denen er sie sich an die Füße binden konnte. Dann probierte er, damit zu laufen. Es war sehr ungewohnt, aber es ging. Der einzige Nachteil war, dass die Schnüre, die ihm zur Verfügung standen, nicht die festesten waren. Besonders die Feuchtigkeit des Schnees würde ihnen auf die Dauer zusetzen und der Abrieb durch den Kontakt mit seinen Schuhen und dem Rahmen würde enorm sein. Er würde also nicht umhinkönnen, die Schneereifen alle paar Tage neu zu spannen. Da sein Vorrat an Schnüren alles andere als unbegrenzt war, konnte es passieren, dass er irgendwann zu Ende ging und er wieder auf die gleiche anstrengende Art würde laufen müssen, wie er das bis hierher getan hatte. Aaron zuckte die Schultern. Bis dahin würde er schon ein gutes Stück vorangekommen sein und da er nichts an diesem Problem ändern konnte, lohnte es sich auch nicht, sich weiter damit zu beschäftigen.

Er kehrte zu seinem Rucksack zurück, aß eine Kleinigkeit und baute sich sein Nachtlager. Dafür wählte er den Platz direkt unter einem der Bäume. In der Schneegrube, die er sich gegraben hatte, geschützt von der Krone des Baumes und von den schlanken Stämmen, die ihn umstanden, fühlte er sich fast so sicher wie zuhause. Nur dass er dort wohl kaum die schwere Schneekleidung anbehalten hätte.

Mittwoch, 28. Januar 2015

Das Immorium - Folge 6

Aerin wachte auf, als die ersten Sonnenstrahlen durch die Sonne schienen. Sie setzte sich auf ihr Bett und kratzte sich am Kopf. Sie war sich nicht ganz sicher, ob sie geträumt hatte oder sich die Geschehnisse vom Vortag tatsächlich zugetragen hatten.
Ihr Blick fiel auf den Spiegel. Sie betrachtete sich, betrachtete ihre Haare, beschloss, dass sie diese dringend kämmen musste, auch wenn sie sich nicht ganz sicher war, ob es nach Wochen, die sie durch das Land gestreift war, noch sinnvoll war.
Dann fiel ihr Blick auf ihre Füße und weiter, auf etwas, was mit ihren Füßen, bis auf die Tatsache, dass es auf dem Boden lag, nichts gemeinsam hatte. In einer roten Pfütze, stand aufrecht ein leeres Glas. War es nicht zerbrochen?
Aerin stand auf und ging zu dem Glas. Sie hob es auf, roch daran und stellte es auf den Tisch. Dann besah sie sich die Pfütze. Es handelte sich nicht um Blut. Es war keine Kruste. Es wirkte nicht wie getrocknetes Blut. Viel eher wie ein Rotweinfleck, der dem Teppich seine neue Färbung gab.
Aerin schüttelte nur kurz den Kopf. Sie begann zu glauben, dass sie sich langsam, bei all den Geschichten, selbst in ihnen verlor.
Ihr Blick wanderte zu ihren Notizen. Sie nahm ihren Stift, beugte sich, auf ihren linken Arm gestützt, über den Tisch und begann in den Notizen herum zu streichen.
Dann schrieb sie darunter:

Ich sollte definitiv aufhören mit trinken und rauchen. Vielleicht weniger Horrorgeschichten lesen, oder schreiben?

Dann ging sie runter und bestellte sich einen Kaffee mit Scotch.
Gedankenverloren betrachtete sie die Tür als würde sie etwas erwarten. Als der Gastwirt ihr den Kaffee auf den Tisch stellte und fragte: „Gut geschlafen?“, schreckte sie auf.
„Ja,“ antwortete sie schnell „ja, doch.“
Der Mann ging und Aerin überlegte, ob sie ihm hätte von den Geschehnissen erzählen sollen. Angesichts der Tatsache, dass sie sich nicht sicher war, ob sie nicht vielleicht doch verrückt war, entschied sie sich aber dagegen.
Die Tür schlug auf und ein Mann kam herein. Er nickte dem Kellner zu und setzte sich an einen Tisch neben sie. Aerin hatte ihn am Vortag schon gesehen. Er war einer der Männer, die dem Jungen zugehört hatten. Sie erinnerte sich, dass er einen Toast auf den Jungen gesprochen hatte, als sie gerade die Treppe nach oben gehen wollte.
Der Mann sprach kurz mit dem Wirt, dann klopfte er ihm auf die Schulter und der Wirt ging zurück zum Tresen.
Aerin beobachtete aufmerksam, wie der Mann eine Pfeife aus der Tasche zog. Dann kramte er in seinen Taschen, drehte sich schließlich zu ihr um und fragte mit tiefer rauchiger Stimme: „Könnten sie mir bitte Feuer geben?“
Aerin war verwirrt. Wie kam er darauf, dass sie Feuer hatte. Doch sie unterbrach ihren Gedanken, als ihr in ihrem Blickfeld Rauch auffiel. Sie verfolgte den Rauch zurück zu ihrem Ursprung und betrachtete nun ihre Hand.
Aerin kramte Streichhölzer aus ihrer Tasche, reichte sie dem Mann, schob den Kaffee von sich drückte ihre kürzlich erst angezündete Zigarette aus und sagte leise zu sich selbst: „Verdammt!“